Ausgabe 02/2020

„No, oh god no!“

Bevor wir anfangen zu scherzen, müssen ein bis zwei wichtige Dinge gesagt werden! Erstens: Sehr viele Meetings sind unproduktiv; das ändert auch eine Videokonferenz nicht. Zweitens: Bitte, bitte, Hersteller diverser in den letzten Monaten einer breiten Masse bekannt gewordener Videodienst-Provider, bietet eine Ausblendung des eigenen Videobildes an – keiner guckt den anderen ins Gesicht, jeder guckt wirklich nur sich selbst an.

Und es lenkt ab: Faszinierend wie die Augen durch die kurze Zeitverzögerung nach rechts und links springen; ist das ein graues Haar? Meine Frisur ist grauenhaft, zum Glück sehen alle so schlimm aus, außer Heike, wie macht sie das? Vor einem Kundentermin, der in Persona stattfindet, schaut man doch vorher auch kurz mal in den Spiegel, um sich vorzeigbar zu gestalten. Danach sieht man sich eh ein paar Stunden nicht mehr. Und was macht man, wenn einem wirklich was Schlimmeres auffällt als ein graues Haar? Pult man sich dann vor laufender Kamera den Popel aus der Nase oder zieht sich den Spinat aus den Zähnen?

 

Kommen wir zu den wirklichen Katastrophen, bei denen der Grad des Wahnsinns auch ohne sichtbares Eigenporträt an den Mienen der anderen Teilnehmenden abzulesen ist. Da wäre zum Beispiel die Reporterin, die aus dem Home-Office eine Nachrichtensendung aufnimmt, als im Hintergrund ihr oder ein halbnackter Mann durch das Bild läuft, der – als er seinen Fauxpas bemerkt – völlig in Panik gerät und armerudernd aus dem Bild springt. Auch das nächste Beispiel zeigt, dass es angebracht ist ein virtuelles Meeting in Gänze so zu behandeln als säße man den anderen persönlich gegenüber. „Lasst uns bitte sichergehen, dass jeder Kleidung trägt!“ lautet der Satz des Chefs in einem Meeting einer über die sozialen Medien geteilten Konferenz aus dem Englischen übersetzt. Man muss dem Meeting-Leiter Respekt zollen, dass er so cool bleibt. Es ging dabei nämlich um Clint, der sich offensichtlich des Umstandes, dass seine Kamera bereits eingeschaltet war, nicht bewusst war. „Oh Clint, no!“ Der mit Mitleid sowie Ekel getränkte Ausruf einer Mitarbeiterin beschreibt den sich streckenden und gähnenden Clint sehr genau und es bedarf keiner weiteren Worte. Einige Fragen stellen sich dem aufmerksamen Leser an dieser Stelle jedoch in jedem Fall: Hat der arme Mann es tatsächlich geschafft sein eigenes Bild auszublenden? Hat er möglicherweise noch ein anderes Fenster über der Konferenz geöffnet und sieht die entsetzten Gesichter seiner Kolleginnen und Kollegen nicht? Nun ja, Clint wird bei weitem nicht das einzige Opfer gewesen sein, wie man so hört. So viele Ratgeber wollen einem momentan erzählen was alles zu beachten ist. Wir halten nur eines fest: Bitte zieht euch etwas an, irgendetwas.

P.S. Das war ein Beitrag mit Corona-Bezug, ohne das Wort Corona zu verwenden!