Ausgabe 03/2020

Viel reden, nichts sagen

Moin, Freya, mein Name. Nach meinem Studium in Kommunikationswissenschaft und BWL, habe ich gerade meinen ersten Job in einer kleinen PR- und Marketingagentur begonnen. Davon berichte ich euch jetzt. Damit wir uns hier gleich richtig verstehen, stelle ich zwei Sachen klar: 1. Ich habe meinen Vertrag nicht mit Forderungen nach drei Tagen Home-Office in der Woche, eigenem Laptop und Handy sowie Fitness-Pauschale und Obst-Coupon begonnen. ABER & 2. Ich widersetze mich dem üblichen Bullshit-Bingo der Branche. Ich habe mir die klare Mission gesetzt, die Großsprecher, Hafensänger, die großen, kleinen, dicken, dünnen, männlichen und weiblichen Zampanos zu entlarven und einmal zu fragen: „Was meinst du eigentlich genau mit KPI’s increasen, UX tracken, Prozesse verschlanken und die Digitalisierung pushen, du Popanz?!“

Das Negative aus Feigheit schön verpacken

Es gibt verschiedene Motivationen das Wahrhaftige mit Bullshit-Vokabular zu ersetzen. Ein sehr guter Grund ist Angst, Feigheit oder Unsicherheit. Und sie machen es alle – vom Bundestagsabgeordneten über den CEO vom Safthersteller aus Castrop-Rauxel bis hin zum Junior Marketing Consultant der Popel-Mopel Corporate Dings-da-Bums GmbH. Sie müssen ganz viele großartige Formulierungen und Wörter einsetzen, die tarnen sollen, was etwas bis sehr unangenehm ist. Ich gebe euch ein Beispiel: Meine Chefin hat letztens in einer Teambesprechung eine ganze Stunde darüber gesprochen, dass unsere Performance nachgelassen hat und deswegen Prozesse verschlankt werden und die – Achtung – Employee Downtimes reduziert werden müssen. Als Downtime wird eigentlich die Zeit bezeichnet, in der ein Computersystem ausfällt und nicht funktionstüchtig ist. Und die Geschäftsführung hat umgehend gehandelt: Die Obstkörbe und Essensgutscheine wurden gestrichen und nach 15 Jahren wurde erstmals eine digitale Stempeluhr eingeführt! Ich: „Warum sagst du den Idioten nicht einfach, dass sie ab 15 Uhr nicht anderthalb Stunden in der Büroküche rumhängen und sich unter dem Deckmantel der gesunden Ernährung haufenweise Bananen reinwürgen sollen? Klar, wenn ich jeden Tag pünktlich um 9 da bin, dann aber eine halbe Stunde Obst schnipple, mein Müsli esse und dann erstmal auf den Pott verschwinde, kommt das mit der Netto-Arbeitszeit nicht mehr so gut hin. Und zweitens, sag ihnen einfach, dass die Firma gerade Miese macht. Jeder weiß es, aber keiner spricht es offen aus.“  

I am international und schlau

Die nächste Motivation ist, einfach mal sein heftiges Knowledge raushängen lassen. Zum Beispiel im Meeting. Ich hasse Meetings. Mark hat es geleitet, unser Head of Creative and Performance Editing & Relations Marketing Consultation, das ist sein Titel glaube ich. Wir wollten besprechen, wie wir einen neuen Kunden zum Launch seines neuen Produkts beraten können. Es handelte sich um eine Heckenschere. Nach einer halben Stunde Charts, ROI’s, CPM’s, TKP’s, CPC’s (mindestens zwei davon drücken dasselbe aus) habe ich Mark erklärt, dass die Schnipp Schn-App eine schlechte Idee ist, weil die Kunden ausschließlich Gärtnereien aus der Umgebung seien und die Investition einer App für 10 Tausend Euro sich bei einem so kleinen Einzugskreis nicht lohnen würde. Klarer Fall von völlig übertrieben, in Sprache und Idee. Schade Mark! Ich fordere: Mehr gesunder Menschenverstand und weniger Bullshit in Meetings und auch sonst wo.

Faulheit eigene Sprache zu finden

In beiden Fällen ist das Ergebnis dasselbe. Um irgendetwas zu kaschieren, sei es ein Problem oder eine schlechte Idee, noch irgendwie in ein annehmbares oder cooles Licht zu rücken, werden Worthülsen, Formulierungen und kaum verständliche Abkürzungen verwendet. Oft ist die Intention gar keine böse, aber man muss sich schon fragen, warum dieses Kauderwelsch bei vielen so in Fleisch und Blut übergegangen ist. Ab und an erwische ich mich selbst dabei, zum Beispiel eben bei einer E-Mail an eine TV-Produktion:

„Wisst ihr schon, wann der Content released wird? Dann kann ich unser Clipping-Team dahingehend sensibilisieren.“

*stellt euch hier den Smiley vor mit dem Affen, der seine Hände vor das Gesicht hält*

Bullshit-befreit müsste es einfach heißen: Wisst ihr schon, wann der Beitrag gesendet wird? Dann kann ich unserem Clipping-Team die Zeit durchgeben.