Ausgabe 04/2019

Brüssel

Das Herz Europas

„Brüssel sagt …“, „Brüssel stoppt …“, „Brüssel tagt …“ – immer, wenn es um Europa geht, taucht die belgische Hauptstadt in den Schlagzeilen auf. Als Hauptsitz der Europäischen Union kommen in Bruxelles (französisch) 20 EU-Organisationen, 29 internationale Schulen, 5.400 Diplomaten, mindestens 20.000 Lobbyisten und 3.482.507 jährliche Übernachtungen für berufliche Zwecke zusammen. Das sind beachtliche Zahlen, dafür, dass Brussel (niederländisch) „nur“ 174.383 Einwohner zählt. Da kann sich jeder vorstellen, dass diese Stadt ein besonders internationales Flair zu bieten hat. Trotzdem begegnet den beruflich und touristisch Reisenden kein Manhattan-gleiches Stadtbild, sondern im Gegenteil viel Tradition, altertümlicher Charme und urbane Kunst.

Mit Brüssel ist zum einen die Stadt und zum anderen auch die Region mit ihren 19 Gemeinden gemeint, die insgesamt 1,1 Millionen Einwohner zählt. Eine davon ist zum Beispiel Anderlecht, die vielen durch den Fußballverein RSC Anderlecht bekannt ist. Brüssel ist offiziell zweisprachig: Niederländisch wird von den Flamen, die in Flandern wohnen gesprochen und Französisch von den Wallonen, die in der Wallonischen Region zu Hause sind. Der Sprachstreit und der allgemeine Konflikt zwischen Wallonen und Flamen hält sich wacker schon seit dem 19. Jahrhundert. Auch in der eigentlich so weltoffenen Hauptstadt gibt es daher ab und an böse Blicke, patzige Antworten und zusammengebissene Zähne, wenn in der jeweils „falschen“ Sprache angesetzt wird – wie diverse Fundstücke im Netz andeuten. Die vereinzelten Griesgrame sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Brüssel eine hoch internationale Stadt ist, in der 104 verschiedene Sprachen gesprochen werden und ein Drittel aller Einwohner eine ausländische Staatsbürgerschaft besitzt.

Neben wichtigen Entscheidungen von europäischer Tragweite bietet Brüssel ein idyllisches Altstadtleben mit den Dingen, für die Belgien im Allgemeinen bekannt ist: leckere Schokolade, Pralinen, unfassbar gute Pommes und warme Waffeln. Direkt neben den vielen Waffelständen steht an der Rue de l’Étuve der Manneken Pis, ein Wahrzeichen der Stadt, in Form eines vom Brüsseler Bildhauer Jérôme Duquesnoy 1619 geschaffenen kleinen, pinkelnden Jungen. 366 Jahre später bekam die auch als le Petit Julien bezeichnete Statue übrigens von Jeanneke Pis Gesellschaft beim Pinkeln und 1998 kam der Hund Zinneke Pis dazu. Ebenso bekannt ist das Atomium, ein 161-milliardenfach vergrößerter Eisenkristall. Durch einen Fahrstuhl geht es in 32 Sekunden in bis zu 92 Meter Höhe, von wo aus man einen atemberaubenden Blick auf die ganze Stadt hat. Über das Symbol der Expo von 1958 sagen einige, dass man es nicht fotografieren darf. Tatsächlich ist da etwas dran. Auch wenn die Bestimmungen gelockert wurden und die Fotografie für die nicht-kommerzielle Nutzung nach Absprache freigegeben ist, achtet die V.o.G. Atomium sehr genau darauf, wo und in welchem Zusammenhang die Fotos ihres Wahrzeichens auftauchen.

Pommes – die ganze Welt liebt sie, aber nirgendwo sind sie so lecker wie in Belgien. 20 verschiedene Saucen gibt es an so manchen Ständen zu den dicken unverwechselbaren Kartoffelstangen. Die Geschichte der belgischen Pommes ist seit 2008 sogar im Frietmuseum ab fünf bis sieben Euro zu erleben. Als süßer Nachschlag dienen Schokolade und Pralinen der weltberühmten Chocolatiers Pierre Marcolini oder Jean Galler. Nirgendwo anders wird weltweit mehr Schokolade verkauft als am Brüsseler Flughafen. Wer dann noch Platz im Magen hat, kann in einem der vielen Restaurants weitere typisch belgische Gerichte genießen. Die Brüsseler finden sich ab ca. 20 oder 21 Uhr ein, um zum Beispiel die Carbonnade Flamande zu genießen, bei dem Rindfleisch langsam in belgischem Bier zusammen mit Zwiebeln, etwas Senf und Gewürzen geschmort wird. Belgisches Bier ist neben Pommes, Schokolade und Waffeln der letzte noch nicht erwähnte Teil der typisch belgischen Kultur im Bereich Essen und Trinken. Im Internet findet man kaum eine Top 10-Liste zum Thema beste Biere ohne ein belgisches Hopfenkaltgetränk.

Wandert man dann zufrieden, den Durst mit Affligem Blond oder Duvel gestillt, den Hunger mit Pommes und Waffeln beseitigt, durch die gemütlichen Brüsseler Straßen und hebt zwischendurch etwas den Blick, findet der aufmerksame Stadterkunder an den Hauswänden das Marsupilami, Lucky Luke, Tim und Struppi und viele weitere belgische Comic-Helden vor. Denn die belgischen Comics sind eine weitere der vielen besonderen Traditionen, die diese Stadt so lebenswert machen.

Gut zu wissen

Die Metro in Brüssel ist die modernste in ganz Europa und befördert 310.000 Passagiere jeden Tag. Die Stationen sind mit verschiedensten Kunstwerken ausgestattet und oft wird die Wartezeit musikalisch verkürzt.

Brüssel hat eine starke Modekultur. Ihr Stil lässt sich als surreal und avantgardistisch beschreiben. Eine der bekanntesten und beliebtesten Straßen zum Shoppen ist die Avenue Louise.

Der Grote-Markt ist Brüssels zentraler Treffpunkt und wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt. Geheimtipp: Nach Sonnenuntergang werden das gotische Rathaus und die umliegenden Gebäude wunderschön iluminiert.

In Brüssel sind insgesamt 40.000 EU-Beamte beschäftigt
Zu verschiedenen Anlässen wirft sich der Manneken Pis eines seiner 800 Kostüme über
Das Atomium bietet einen fantastischen Blick über Brüssel
In Brüssels Straßen trifft man auf viele bekannte Comic-Helden
Berühmt für die süßen Leckereien ...
... und besonderen Biere ...
... aber genauso empfehlenswert: Moules frites, in Weißwein gedünstete Muscheln mit knusprigen Pommes