Ausgabe 01/2020

Frühlings-Erwachen

Jedes Jahr aufs Neue: Nachdem die langen, dunklen Wintermonaten endlich ein Ende gefunden haben und man wieder im Hellen nach Hause laufen darf, machen sich bei uns Menschen, ähnlich wie in der Tierwelt, allmählich Frühlingsgefühle breit.

Plötzlich werden uns wieder all die Möglichkeiten bewusst, wie wir unseren Feierabend gestalten könnten. Telefonnummern von Freunden werden wieder rausgekramt, die abgelatschten Hausschuhe werden bis zum nächsten regnerischen Oktober in den Schrank gestellt. Netflix-Abende mit Popcorn werden durch Parkbesuche mit Einweggrill ersetzt. Eine unbändige Motivation macht sich breit und bringt uns kurzzeitig dazu, zu glauben, wir würden uns nun wirklich diesem einen tollen, neuen Hobby widmen und tatsächlich dreimal die Woche das Fitnessstudio aufsuchen.

Unserem Partner bringen wir frische, bunte Blumen mit, denn das haben wir ohnehin schon viel zu lange nicht getan, und spätestens nachdem der letzte und gleichzeitig erste Schnee nach Ostern getaut ist, denken wir darüber nach, ob wir nicht einen neuen Job anstreben sollten oder zumindest eine neue Position. Na gut, wir wollen mal nicht gleich übermütig werden, aber wenigstens eine Gehaltserhöhung und ein Sprachkurs im sonnigen Andalusien, das müsste doch drinne sein. Schließlich hat man sich in den vergangenen Monaten trotz chronischer Müdigkeit täglich ins Büro geschleppt und seine Krankheitsstage unter dem landesweiten Durchschnitt gehalten. Das müsse der Chef doch anerkennen? Und für die neuen Projekte sprudeln wir ohnehin nur so vor kreativen Ideen und verrückten Einfällen, die alle spitzenmäßig finden, aber am Ende natürlich nie umgesetzt werden.

Dieses plötzliche Kribbeln in den Fingern überträgt sich nicht nur auf die eigene Leistungsbereitschaft im Job, sondern lässt auch unsere Füße unruhig werden. Es zieht uns in die Ferne, wir möchten Berge erklimmen und Sonnenuntergänge fotografieren, um sie anschließend auf sozialen Netzwerken teilen zu können. Außerdem war da doch neulich dieser total abgefahrene Wasserfall in Neuseeland auf Instagram zu sehen … da müsste man auch mal hin. Das Leben so richtig spüren. Ach nee, Moment, seit den Schulstreiks von Greta verspüren wir ja vor allem eins: Flugscham. Niemand begeht 2020 noch Umweltsünden.

Dann eben die Ostsee. An den heimischen Stränden wird wenigstens nicht so viel von unserem eigenen Müll angespült. Ab wann starten noch gleich die jährlichen Mitarbeiter-Diskussionen um den Sommerurlaub? Ach, sei es drum, einer muss in der Exceltabelle ja den Anfang machen – gleich mal eintragen und vorsichtshalber direkt das Hotel auf Usedom reservieren, so nimmt man den Kollegen gleich den Wind aus den Segeln. Ein cleverer Schachzug. Wie? Das sieht der Chef ganz anders? Zugegeben, das mit dem neuen Job ging jetzt schneller als gedacht. Aber ein neues (Früh)Jahr ist eben für so manche Überraschung gut.