Ausgabe 03/2019

Gelaber übers Wetter

Eklig, nass, zu kalt, zu heiß

Das Wetter – über nichts reden die Deutschen so oft und so gerne und das auch mit Vorliebe völlig unreflektiert. Ein Gespräch über das Wetter ist der Inbegriff der deutschen Small Talk-Kultur. Jeder kann mitreden, weil es so schön einfach ist und jeden betrifft.

Im Büro hat die Rubrik Wetter einen ganz besonders hohen Stellenwert. Nicht nur als Einstieg für Telefonate und E-Mails mit Kunden, Partnern oder Kollegen, sondern auch als Stille-Brecher in der Mittagspause oder Floskel an der Tür zum Paketboten – ein pfiffiges „Ist’s bei euch auch so heiß wie bei uns?“ oder ein „Dieser Nieselregen, der kriecht in jede Pore“ geht erstaunlich schnell über die Lippen.

Dabei hat der Sommer ganz offensichtlich eine breitere Klaviatur an Wettersprüchen als die unsäglichen Wintermonate, denn während der Sommermonate kann man sich darüber aufregen, dass es zu heiß ist und dann beim ersten Sommerregen direkt mit einem frustrierten „Das war’s dann wohl mit dem Sommer“ kapitulierend die Jack Wolfskin Jacke wieder aus dem Keller holen. Der Winter gestaltet sich hingegen etwas eintöniger, insbesondere in Deutschland, wo es nie so richtig kalt wird. Es seid denn es passiert das Unvorhersehbare: Mehr als 2,5 Zentimeter Neuschnee! Die Folge ist meistens ein heilloses Verkehrschaos, welches über Tage hinweg die deutsche Medienlandschaft dominiert. Da machen Zeitungen dann schon mal mit wartenden Menschen am Bahnhof auf, wenn gleichzeitig in Österreich ein Kanzler abgesetzt wird.

Denken Sie nicht, dass in den Übergangsmonaten nicht über das Wetter gesprochen wird. In der Frühlings- und Herbstzeit gilt das beliebte Wetterthema „passende Kleidung“. Wahrscheinlich ist Deutschland das weltweit einzige Land, indem man allen Ernstes in einem Klamottenladen nach einer Übergangsjacke fragen kann und nicht verwirrt angestarrt wird. Nein, hier wird einem eine Auswahl von sechs verschiedenen Modellen präsentiert.

Der Wetter-Talk unterliegt eigentlich keinen Regeln, außer einer: Die verbalen Ergüsse über Niederschlag, Wind und Wolken müssen meckernd vorgetragen werden. Gegen ein mit einem Zischen hervorgebrachten „Bah, ist das schon wieder eklig draußen“ halten die Besserwisser mit „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“. Das sind meistens die Spielverderber aus der älteren Generation, die einem den Spaß an den wüstengleichen Temperaturen mit dem Einwand „Die Bauern freuen sich darüber nicht“ mit erhobenem Zeigefinger direkt wieder nehmen. Außerdem ist einem WELT-Redakteur aufgefallen, dass eine zunehmende Akademisierung des Wetter-Gelabers stattfindet. Es reicht wohl nicht mehr aus, die Witterung mit allgemeinen Angaben wie „eklig, schlecht, zu heiß, zu kalt, zu windig“ zu beschreiben. Heute sollte man sich vorbereiten und mit Grad-Angaben, Knowledge zu Hoch- und Tiefdruckgebieten, Passatströmen und Wolkenformationen auftrumpfen können. Dass Cumulonimbuswolken erst im Tagesverlauf entstehen, wenn die Sonne den Boden aufgeheizt hat und sie sich bei genügend großer Luftfeuchtigkeit und Konvektion entwickeln können, sollte wohl jeder wissen!