Ausgabe 01/2017

Hello Stranger!

Über die Faszination kurzweiliger Bekanntschaften auf Reisen

Sie haben das bestimmt auch schon mal erlebt: Im Flieger von A nach B sitzen Sie neben einem freundlichen Unbekannten. Nach weniger als der Hälfte des Fluges kennt er Ihre gesamte Lebensgeschichte. Warum Fremde die besseren Zuhörer und Flugzeugkabinen die anerkannteren Therapiepraxen sind.

Letzten Sommer verschlug es mich beruflich nach Zürich. Kaum hatte ich im Flieger zurück meinen Sitzplatz eingenommen, wusste ich bereits über meine Sitznachbarin, dass sie erst vor zwei Tagen aus Singapur zurück in ihre Heimat, die Schweiz zurückgekehrt war. Und sich an die kleineren Dimensionen und langsam tickenden Uhren erst wieder gewöhnen musste. Und als erste Amtshandlung nach Hamburg floh, gegen den Kleinstadtblues.

Normalerweise bin ich kein Mensch, der sich anderen mir nichts, dir nichts, öffnet. Doch plötzlich sprudelten die Sätze und Gedankenfetzen nur so aus mir heraus. Ich berichtete von Dingen, die mich bewegten, beruflich wie privat. Nach einer weiteren Viertelstunde philosophierten wir über den Sinn des Lebens im Allgemeinen und Selbstverwirklichung im Speziellen.

Nach der Landung in der Hansestadt – der Flug war natürlich viel zu kurz, um die Menschheit von anno dazumal bis heute komplett zu analysieren – verabschiedeten wir uns. Wir tauschten keine Handynummern aus und verlinkten uns auch nicht auf Facebook oder Xing. Kein „Auf Wiedersehen“, sondern ein „Lebe wohl“. Ich ertappte mich dabei, ein bisschen traurig zu sein. Schließlich hatten wir uns doch so gut verstanden. Gleichzeitig war ich erleichtert: Mein Gewissen würde sich nicht melden und mir ins Ohr flüstern: Eigentlich müsstest du dich jetzt aber mal bei ihr melden. Kontaktpflege, Networking etc.

Unterwegs kommt man schneller mit anderen Reisenden wie Einheimischen ins Gespräch als in der Heimatstadt. Warum lernen wir auf Reisen so schnell neue Menschen kennen? Was ist es, das die Magie solcher flüchtigen Bekanntschaften ausmacht?

Bei Zufallsbekanntschaften gilt: „no strings attached“. Das ist sehr willkommen in einem Zeitalter, in dem ohnehin niemand mehr für niemanden Zeit hat und sich alle höchstens unverbindlich verabreden. Unterwegs ist alles unverfänglicher und damit einfacher. Wann kann man sich schon mal mit jemandem treffen, Lebensgeschichten und -weisheiten austauschen und sich danach – ohne schlechtes Gewissen – nie wieder bei ihm melden? Wem kann man, ohne Schamgefühl und ohne Konsequenzen, einfach alles erzählen, weil man weiß, man sieht ihn sowieso niemals wieder?

Hätte man ebendiese Person in der Stammkneipe oder beim Italiener nebenan getroffen, dann wäre dieser Zauber des Augenblicks gar nicht erst entstanden. Die Faszination liegt wohl darin, dass man genau weiß, dass die Bekanntschaft flüchtig ist. Aber dass man für kurze Zeit in der gleichen Situation ist, verbindet ungemein: allein in einer fremden Stadt oder einem unbekannten Land. Oder lassen Sie es einen einstündigen Aufenthalt über den Wolken von Mitteleuropa sein.