Ausgabe 04/2018

Jedes Jahr Wichtelwirrwarr

Seit im August die Lebkuchen im Regal landeten, stehen mir Schweißperlen auf der Stirn. Denn wie immer wird der Heiligabend sehr überraschend vor der Tür stehen. Als wäre es nicht stressig genug, Oma, Papa, Mama, Schwester und dem Partner ein tolles, sinnvolles, schönes aber bitte nicht ganz so kostspieliges Präsent zu besorgen, kommt es im Büro wie es kommen muss: „Hey, was machen wir zur Weihnachtsfeier?“ – „Lass uns doch wichteln!“ – „Ouhja, toll, das machen wir“. Ich atme tief durch, doch diese Unglückslawine ist schon im Rollen. Wichteln, das Topfschlagen der kinderlosen Mitdreißiger-Büroangestellten. Mir graut es schon jetzt, doch es hilft nichts. Wir Büromenschen sind Herdentiere und wer bei einem solchen Großevent wie dem jährlichen Wichtelspaß aussteigen möchte, wird für immer vom Wasserloch verbannt.

„Ich weiß schon“, trällert Sabine, die etwas Rundliche aus der Controlling Ecke. „Jeder Name kommt einmal in die Kaffeedose, wer sich selbst zieht, muss tauschen, die Geschenke kommen dann bis zum 22.12. alle in den Konferenzraum. Ihr dürft nur rotes Papier verwenden, sonst weiß ja jeder was von wem kommt und kosten darf’s zwischen acht und zehn Euro – wär ja sonst unfair. Und los!“, dabei verteilt sie strahlend kleine Zettel und Bleistifte. Wow, strengere Regeln als im britischen Königshaus, denke ich und kritzele missmutig meinen Namen auf den Zettel. Noch während ich überlege, wie ich ihn verschwinden lassen kann, reißt Sabine mir das Papier aus der Hand und stopft es in die Dose. Mist!

21.12.: Schweißüberströmt renne ich durch die Regalreihen. Stifte? ... Doof, haben wir genug im Büro. Eine Tasse? ... Nee, die auch. Schokolade? ... Welche Geschmacksrichtung? Es soll sinnvoll sein und lustig aber auch schön und nützlich – das sind eben meine Grundsätze beim Schenken. Da entdecke ich einen Kalender „Entspannen in fünf Minuten“. Prima fürs Büro, denke ich, drehe ihn um und sehe: 13,99 Euro. Stöhnend sacke ich zusammen. Ich hab’s: Jeder liebt Bücher, also gehe ich im Buchhandel zur Kasse und bestelle einen Gutschein für zehn Euro. Im roten Umschlag natürlich!

Am nächsten Tag lege ich brav mein rotes Kuvert mit dem Namen meiner Wichtelpatin zu den anderen Päckchen und dann geht’s ans Verteilen. In mir keimt die Hoffnung auf, dass ich nach all dem Stress und den Gedanken, die ich mir gemacht habe, auch ein schönes Geschenk bekomme. Gelächter kommt auf: „Haha, ein Furzkissen, hihihi wie witzig.“ „Oh und schau mal ich habe Einhorn-Raumspray. Das passt ja, hehe.“ Scheinbar habe ich kein Humor. Das ist albern. Sabine freut sich gerade wahnsinnig über meinen Gutschein als ich mein Päckchen öffne und der Inhalt alle Hoffnungen im Keim erstickt. Eine Tasse mit der Aufschrift „Büro“ und zwei Ikea-Bleistiften drin.

Und die Moral von der Geschicht’: Wichteln kann man, muss man aber nicht.