Ausgabe 03/2019

Die irrationale Angst

Persönliche Erfahrungen und Hilfe bei Aviophobie

„Es fängt bereits einige Wochen vorher an. Ich muss dann immer wieder dran denken und hoffe bereits im Vorfeld, dass alles gut geht und nichts passiert. Kurz vorher kommen dann Schlafstörungen dazu und die Ängste wachsen an bis zum Tränenausbruch. Man möchte die Reise am liebsten absagen. Man schwört sich innerlich, das ist das letzte Mal, ich tue mir diesen Stress nicht mehr an. Am Tag selbst kommen dann auch noch Magenverstimmungen dazu.“ So beschreibt Mirjam Möhricke als Betroffene ihre Angst vor dem Fliegen. Sie teilt diese Ängste mit jedem vierten Deutschen. Ungefähr 10 Prozent der Bevölkerung ist wegen der eigenen Flugangst sogar noch nie in ein Flugzeug gestiegen.

Dass Menschen Angst davor haben in einer geschlossenen Kabine, in tausenden Metern Höhe, durch die Hände eines Ihnen unbekannten Individuums mit Hilfe eines Ihnen unschlüssigen Geräts durch die Luft transportiert zu werden, ist doch irgendwie verständlich. Genau aus diesen Gegebenheiten lassen sich auch die verschiedenen Ängste ableiten, aus denen sich die Flug­angst zusammensetzt: Klaustrophobie (Angst vor dem Aufenthalt in geschlossenen Räumen), Höhenangst, Angst vor Kontrollverlust. Diese Ängste werden durch unsere Psyche genährt und äußern sich in Stress und den eingangs beschriebenen Symptomen. Auch Mirjam Möhricke kann sich nicht erklären, woher die Angst kommt, denn sie hätte nie ein einschneidendes Erlebnis beim Fliegen gehabt und dennoch sei die Angst immer schlimmer geworden.

Aus rationaler Sicht sollte eigentlich niemand Angst vor dem Fliegen haben. Es ist hinlänglich bekannt, dass die Wahrscheinlichkeit bei einem Autounfall ums Leben zu kommen ungleich höher ist. Selbst der Fußweg oder die Radfahrt ins Büro sind gefährlicher als ein Flug. Und doch ist da bei einigen diese irrationale Angst, dieser Stress, der dazu führt, dass Menschen nicht fliegen, der geplante Urlaub oder die Geschäftsreise zu einem Desaster werden.

Für viele Menschen, die beruflich auf das Fliegen angewiesen sind oder weiterhin die Welt bereisen wollen, ist ein Seminar gegen Flugangst oft die richtige Lösung. Bis zu 80 Prozent der Teilnehmer der von Texter Millot in Kooperation mit der Lufthansa angebotenen Seminare berichten von einer deutlichen Verringerung der Flugangst. Auch Mirjam Möhricke hat eines der Seminare besucht und Hilfe gefunden. Das Seminar arbeitet daran, die verschiedenen Ängste anzugehen und diese durch Aufklärung und Konfrontation zu beseitigen oder abzuschwächen. „Das Seminar wurde von einer Psychologin, einem Flugbegleiter und einem Piloten geleitet. So werden alle Seiten beleuchtet, also zum einem wie unsere Psyche tickt und wie das Fliegen überhaupt funktioniert“, beschreibt Mirjam Möhricke. Das technische Wissen rund um das Fliegen ist für die Teilnehmer wichtig, damit sie sich – neben der psychischen Belastung, der sie ohnehin ausgesetzt sind – nicht auch noch durch falsche Informationen Horrorszenarien ausdenken. Zum Beispiel sind alle Geräte im Flugzeug in zweifacher Ausführung vorhanden, damit sie bei Ausfall sofort ersetzt werden können. Für Mirjam Möhricke sei die Aufklärung über die Beschaffenheit eines Flugzeuges eine hilfreiche Lehre gewesen: „Ich fand es interessant zu hören, dass ein Flugzeug auch ohne Triebwerk fliegt und es nicht gleich vom Himmel fällt und kleinere Flugzeuge bei stärkerem Wind am Boden gesichert werden, weil sie sonst abheben. Denn Flugzeuge sind einfach zum Fliegen gebaut.“

Wenn da nicht der Kopf wäre, der all diese Information ignoriert und die schlimmsten Botenstoffe durch den Körper schickt, die diesen Stress und die Angst auslösen. Um dem entgegenzuwirken, werden in den Seminaren Techniken zur progressiven Muskelentspannung und Atemtechniken gelehrt. „Denn gut zureden hilft nicht, nicht durch sich selbst und noch weniger von Anderen. Die Angstsituation kann nur auf körperlicher Ebene durchbrochen werden,“ sagt Mirjam Möhricke. Und nichts geht über praktische Übung. Das Seminar beinhaltete auch einen Flug von Hannover nach München und wieder nach Hannover. Laut offizieller Internetseite von Texter Millot ist das Seminar ein voller Erfolg. Denn 98 Prozent der flugängstlichen Personen nehmen am Abschlussflug des Seminars teil. Sogar die 47 Prozent, die das Fliegen vor dem Seminar noch komplett vermieden haben. Auch Mirjam Möhricke hat das Seminar sehr geholfen: „Meine Flugangst ist nicht vollkommen beseitigt, aber ich kann damit jetzt umgehen. Und die Angst zerstört nicht wie vorher die Tage vor den Flügen, was besonders im Urlaub sehr ärgerlich ist.“